Kreisarchive waren ein wichtiger Teil der preußischen Verwaltungsstruktur. Die Einrichtung von Kreisarchiven entwickelte sich parallel zur preußischen Kreisbildung, insbesondere nach den Reformen des frühen 19. Jahrhunderts, bei denen bestehende Verwaltungseinheiten zu Kreisen zusammengelegt wurden; diese Kreise begannen, eigene Archivbestände zu führen, die die lokale Verwaltung, die landrätliche Tätigkeit und die ständischen Belange (z.B. Kreisstände) dokumentierten und heute in verschiedenen staatlichen Archiven überliefert sind, wobei die zentralen Regelungen für die Archivverwaltung erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert umfassend kodifiziert wurden.
Die Bestände der Kreisarchive sind heute über mehrere Länder und Archive verteilt, was die Forschung erschwert, ihr aber auch vielfältige Möglichkeiten eröffnet.
Die älteren, vorwiegend aus der Zeit bis 1914 stammenden Akten der Kreisverwaltung Wittenberg wurden im Jahre 1932 vom Registraturbildner an das Staatsarchiv Magdeburg abgeliefert. Eine weitere Übergabe von Akten der Kreisverwaltung an das Staatsarchiv Magdeburg erfolgte 1966.
Mit der Einrichtung des Landesarchivs Merseburg und der Bestandsabgrenzung zwischen den Landesarchiven Magdeburg und Merseburg gelangte der Bestand im Jahre 1994 an den Standort Merseburg. In den Jahren 2016-2018 erfolgte eine unveränderte Retrokonversion des alten Behördenfindbuchs und des Findbuchs von 1966.
Das Kreisarchiv Wittenberg wurde in den Jahren von 1972 bis 1992 gemeinsam mit dem Stadtarchiv Wittenberg verwaltet. Es befand sich in Räumen des Wittenberger Schlosses. (Heute findet sich dort die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek.) Eine Diplomarchivarin und zwei Archivassistenten verwalteten die Bestände und betreuten vorwiegend die Nutzung an den Beständen des Stadtarchivs Wittenberg. Die Kreisverwaltung führte zentrale Abteilungsregistraturen. Diese wurden nach der Trennung von Kreis- und Stadtarchiv Wittenberg sukzessive aufgelöst und im Verwaltungsgebäude Möllensdorfer Straße 13a in Lutherstadt Wittenberg zentral zusammengefasst.
Mit der Kreisgebietsreform 1994 entstanden durch Auflösung der beiden Kreise Gräfenhainichen und Jessen zwei Außenstellen des Kreisarchivs. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde über eine Zentralisierung des Kreisarchivs nachgedacht. Die ersten Konzeptionen für ein zentrales Kreisarchiv entstanden im Jahr 2000. 2004 erfolgte die Umsetzung am Standort der WIKANA Keks- und Nahrungsmittel GmbH in der Dessauer Straße 8 in Lutherstadt Wittenberg. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass es sich um eine Interimslösung handeln wird. Der Mietvertrag wurde zunächst auf 10 Jahre geschlossen. Mit einer Verlängerung des Mietverhältnisses um knapp 12 Jahre hatte die Kreisverwaltung Wittenberg Zeit und Raum, sich auf eine abschließende und zukunftsträchtige Lösung zu verständigen und diese zielführend umzusetzen.
Die ersten Beratungen zur Unterbringung des Kreisarchivs Wittenberg fanden im Jahr 2017 statt. Neben der Abwägung verschiedener Varianten über erneute Anmietung von Räumen, der Übergabe an andere Archive und einem kreiseigenen Gebäude, stets begleitet von wirtschaftlichen Betrachtungen, beschloss der Kreistages Wittenberg im Jahr 2021 den Neubau des Kreisarchivs auf einem kreiseigenen Gelände. Die Konzeption zum Neubau wurde von einem Studierendenwettbewerb der Hochschule Anhalt begleitet. Aus allen nominierten Entwürfen sind umsetzbare Ideen und Bausteine in den Neubau eingeflossen.
Ab April 2026 stehen die Bestände des Kreisarchivs Wittenberg an ihrem neuen Standort im Kurfürstenring 31 in Lutherstadt Wittenberg den Nutzern vollumfänglich zur Verfügung.
Neben der zentralen Registratur der Kreisverwaltung Wittenberg finden sich hier hauptsächlich die Bestände der Räte der Kreise Gräfenhainichen und Jessen sowie deren nachgeordneten Einrichtungen in einem Zeitraum von 1952 bis 1994 und des Rates des Kreises Wittenberg in einem Zeitraum von vorwiegend 1967 bis 1995. Daneben unterhält das Kreisarchiv eine bestandsbezogene Fachbibliothek einschließlich Dokumenten und regionalgeschichtlicher Literatur, die Themenfelder bis in das 16. Jahrhundert umfasst. Diese umfasst auch einen seit 1852 nahezu lückenlosen Zeitungsbestand. Das Kreisarchiv verwaltet diese Bestände, stellt sie der Nutzung zur Verfügung, unterbreitet bestandsbezogene Angebote für Kindereinrichtungen, Schulen und verschiedene Bildungseinrichtungen der Forschung und Lehre.